Zurück

Das neue Buch "Feuer und Blut" seit 19.11.18 erhältlich  ›

Das Haus Targaryen herrschte seit über zweihundert Jahren auf Drachenstein, seit Lord Aenar Targaryen mit seinen Drachen aus Valyria eingetroffen war. Obwohl die Heirat zwischen Bruder und Schwester und zwischen Vetter und Base bei den Drachenherren von Valyria schon immer üblich gewesen war, brennt junges Blut häufig heiß, und so war es keinesfalls ungewöhnlich, dass die Männer des Hauses sich mit den Töchtern (und sogar den Frauen) ihrer Untertanen vergnügten, dem gemeinen Volk, das in den Dörfern unter dem Drachenberg lebte, Bauern und Fischern. Und bis zur Herrschaft von König Jaehaerys war das uralte Recht der Ersten Nacht auf Drachenstein vielleicht häufiger eingefordert worden als irgendwo anders in den Sieben Königslanden, wenngleich es die Gute Königin Alysanne sicherlich schockiert hätte, dies zu erfahren.

Obwohl diese Sitte anderswo in den Sieben Königslanden überwiegend abgelehnt wurde, wie Königin Alysanne in ihren Frauenaudienzen erfahren hatte, war man auf Drachenstein der Ansicht, dass die Targaryen den Göttern näher stünden als andere Menschen. Hier wurden Bräute beneidet, die in der Hochzeitsnacht solcherart gesegnet wurden, und die Kinder, die aus diesen Verbindungen hervorgingen, schätzte man höher als andere, denn die Lords von Drachenstein feierten die Geburt solcher Kinder oft, indem sie die Mütter reich mit Gold, Seide oder Land beschenkten. Von diesen glücklichen Bastarden hieß es, sie entstammten »dem Drachensamen«, bis man sie später nur noch »die Samen« nannte. Auch nachdem das Recht der Ersten Nacht längst abgeschafft worden war, vergnügten sich manche Targaryen weiterhin mit den Wirtstöchtern und Fischweibern auf der Insel, daher gab es viele Samen und Samensöhne auf Drachenstein.

An diese wandte sich Prinz Jacaerys nun, auf Drängen seines Narren, und gelobte, dass jedem Mann, der einen Drachen meistern könne, Land und Vermögen und der Ritterschlag zuteil werde. Seine Söhne würden in den Adelsstand erhoben und die Töchter mit Lords verheiratet. Dem Betreffenden selbst werde die Ehre zuteil, an der Seite des Prinzen von Drachenstein gegen den Prätendenten Aegon II. Targaryen und all seine verräterischen Unterstützer in den Krieg zu ziehen.

Nicht alle, die dem Aufruf des Prinzen folgten, waren Samen oder stammten als Söhne oder Enkel von solchen ab. Auch zwanzig Hofritter der Königin boten sich als Drachenreiter an, darunter der Lord Kommandant ihrer Königinnengarde, Ser Steffon Finsterlyn, und dazu Knappen, Küchenjungen, Seeleute, Waffenknechte, Mimen und sogar zwei Mägde. »Die Saat der Samen« nennt Munkun die Triumphe und Tragödien, die darauf folgten (und schreibt die Idee Jacaerys zu, nicht Pilz). Andere bevorzugen den Ausdruck »die Rote Saat«.

 


Drachen sind keine Pferde. Sie dulden nicht so leicht einen Reiter auf ihrem Rücken, und wenn man sie reizt oder bedroht, greifen sie an.


Der unwahrscheinlichste dieser Möchtegern-Drachenreiter soll Pilz selbst gewesen sein, dessen Zeugnis lang und breit über seinen Versuch berichtet, die alte Silberschwinge zu besteigen, die als der gutmütigste der herrenlosen Drachen galt. Es ist eine der lustigeren Geschichten des Zwergs, die damit endet, wie Pilz mit brennender Hose über den Hof von Drachenstein rennt und beinahe ertrinkt, als er in einen Brunnen springt, um die Flammen zu löschen. Höchst unwahrscheinlich, wie gesagt … aber diese Erzählung verschafft uns Erleichterung in einer ansonsten schauderhaften Geschichte.

Drachen sind keine Pferde. Sie dulden nicht so leicht einen Reiter auf ihrem Rücken, und wenn man sie reizt oder bedroht, greifen sie an. Sechzehn Männer verloren Munkuns Wahrer Geschichte zufolge während der Saat das Leben. Die dreifache Anzahl erlitt Verbrennungen oder wurde verstümmelt. Steffon Finsterlyn verbrannte, als er den Drachen Seerauch besteigen wollte. Lord Gormon Massie widerfuhr das gleiche Schicksal, als er sich Vermithor näherte. Einem Mann namens Silber-Denys, dessen Haar- und Augenfarbe seiner Behauptung, von einem Bastard Maegors des Grausamen abzustammen, etwas Glaubwürdigkeit verlieh, wurde von Schafsdieb ein Arm abgerissen. Während sich seine Söhne bemühten, die Blutung zu stillen, fiel der Kannibale über sie her, vertrieb Schafsdieb und verschlang Vater und Söhne.

Doch Seerauch, Vermithor und Silberschwinge waren an Menschen gewöhnt und ließen sie an sich herankommen. Da sie bereits in der Vergangenheit geritten worden waren, duldeten sie neue Reiter bereitwilliger als die wilden Drachen. Vermithor, der Drache des Alten Königs, beugte schließlich das Haupt vor dem Bastard eines Hufschmieds, einem Hünen namens Hugo der Hammer oder der Harte Hugo, während ein hellhaariger Waffenknecht, den man Ulf den Weißen (wegen seines Haares) oder Ulf den Säufer (weil er so viel trank) rief, Silberschwinge bestieg, das Drachenweibchen, das die Gute Königin Alysanne so sehr geliebt hatte. Und Seerauch, der einst Laenor Velaryon getragen hatte, ließ den fünfzehnjährigen Jüngling Addam aus Holk, dessen Herkunft bis heute unter Geschichtsschreibern strittig ist, auf seinen Rücken steigen.

Addam und sein Bruder Alyn (der ein Jahr jünger war) waren die Söhne einer Frau namens Marilda, der hübschen, jungen Tochter eines Schiffsbauers. Das Mädchen, das oft in den Werften ihres Vaters zu sehen war, war besser unter dem Namen »Maus« bekannt, denn sie war »klein, flink und ständig im Weg«. Sie war erst sechzehn, als sie Addam gebar, und als sie knapp achtzehn war, folgte Alyn. Klein und flink wie ihre Mutter hatten beide Bastarde aus Holk silbernes Haar und violette Augen und bewiesen bald, dass sie außerdem »Meerwasser in den Adern« hatten, denn sie waren auf der Werft ihres Großvaters aufgewachsen und, noch bevor sie acht Jahre alt wurden, als Schiffsjungen zur See gefahren. Als Addam zehn und Alyn neun war, erbte ihre Mutter beim Tod des Großvaters die Werften, verkaufte sie und nutzte die Münzen, um selbst als Herrin einer Handelskogge, die sie Maus nannte, zur See zu fahren. Da Marilda aus Holk eine gute Händlerin und eine wagemutige Kapitänin war, besaß sie 130 n.A.E. bereits sieben Schiffe, und ihre Bastarde dienten stets auf dem einen oder anderen.

Dass Addam und Alyn Drachensamen waren, konnte niemand bestreiten, der sie anschaute, dennoch weigerte sich ihre Mutter standhaft, den Vater zu nennen. Erst als Prinz Jacaerys bekannt gab, dass er nach neuen Drachenreitern suche, brach Marilda ihr Schweigen und behauptete, ihre beiden Jungen seien uneheliche Söhne des verstorbenen Ser Laenor Velaryon.

Sie sahen ihm ähnlich, das stimmt, und es ist bekannt, dass Ser Laenor tatsächlich von Zeit zu Zeit die Werft in Holk besucht hatte. Dessen ungeachtet zweifelten auf Drachenstein und Driftmark viele an Marildas Behauptung, erinnerte man sich dort doch auch an Laenor Velaryons mangelndes Interesse am weiblichen Geschlecht. Allerdings wagte es niemand, sie der Lüge zu bezichtigen … denn es war Lord Corlys selbst, Laenors Vater, der die Jungen zu Prinz Jacaerys brachte, damit sie an der Saat teilnahmen. Die Seeschlange hatte alle seine Kinder überlebt und den Verrat von Neffen und Vettern ertragen, weshalb er mehr als bereitwillig zu sein schien, diese neuen Enkel anzunehmen. Und als Addam aus Holk Ser Laenors Drachen Seerauch bestieg, galt das als Beweis für die Behauptungen seiner Mutter.

Daher sollte uns nicht verwundern, dass Großmaester Munkun und Septon Konstans in ihren Schriften brav Ser Laenors Vaterschaft bestätigen … nur Pilz ist, wie immer, anderer Meinung. In seinem Zeugnis vertritt er die These, dass die »kleinen Mäuse« nicht vom Sohn der Seeschlange, sondern von der Seeschlange selbst gezeugt wurden. Lord Corlys teilte Ser Laenors erotische Vorlieben nicht, führt er aus, und die Werften in Holk waren ihm fast ein zweites Heim, wohingegen sein Sohn sich dort viel seltener blicken ließ. Prinzessin Rhaenys, seine Gemahlin, hatte das feurige Temperament vieler Targaryen, sagt Pilz, und hätte sich wenig erfreut gezeigt, hätte sie erfahren, dass ihr Hoher Gemahl Bastarde mit einem Mädchen gezeugt hatte, das nur halb so alt war wie sie und dazu noch nur die Tochter eines Schiffsbauers. Aus diesem Grund beendete Lord Corlys nach Alyns Geburt klugerweise auch die »Werften-Liebschaft« mit Maus und befahl ihr, die Kinder vom Hofe fernzuhalten. Erst nach dem Tod von Prinzessin Rhaenys fühlte sich Lord Corlys imstande, seine Bastarde gefahrlos ins Licht der Öffentlichkeit zu bringen.

In diesem Fall, müssen wir festhalten, klingt die Geschichte des Narren wahrscheinlicher als die Versionen von Septon und Maester. Viele und noch viele mehr an Königin Rhaenyras Hof dürften das Gleiche vermutet haben. Falls dem so war, schwiegen sie darüber. Nicht lange nachdem Addam aus Holk sich bewiesen hatte, indem er Seerauch flog, ging Lord Corlys so weit, von Königin Rhaenyra die Gunst zu erbitten, Addam und seinem Bruder den Makel der unehelichen Geburt zu nehmen. Da auch Prinz Jacaerys dieses Gesuch unterstützte, willigte die Königin ein. Und so wurde aus Addam aus Holk, Drachensamen und Bastard, Addam Velaryon, der Erbe von Driftmark.

 

 


Doch das war noch nicht das Ende der Roten Saat. Mehr und Schlimmeres sollte folgen, und zwar mit schrecklichen Auswirkungen auf die Sieben Königslande.


Die drei wilden Drachen von Drachenstein ließen sich nicht so leicht zähmen, obwohl sich mehrere an ihnen versuchten. Schafsdieb, ein bemerkenswert hässlicher »schlammbrauner« Drache, war geschlüpft, als der Alte König noch jung gewesen war. Er hatte eine Vorliebe für Hammel und tat sich an den Schafherden von Driftmark bis zum Wendwasser gütlich. Hirten verletzte er nur selten, es sei denn, sie störten ihn beim Fressen, doch hin und wieder verschlang er auch einen Hütehund. Graugeist hauste in einem rauchenden Schlot oben in der Ostseite des Drachenberges und bevorzugte Fisch. Meist sah man ihn, wie er dicht über die Oberfläche der Meerenge flog und sich seine Beute aus dem Wasser schnappte. Die helle grauweiße Bestie glitzerte in der Farbe des Morgennebels und war ausgesprochen scheu, mied seit Jahren die Menschen und ihre Siedlungen.

Der größte und älteste der wilden Drachen war der Kannibale, der so hieß, weil er die Kadaver anderer Drachen fraß und auch gern über die Brutstätten der Drachen von Drachenstein herfiel, um frisch geschlüpfte Küken und Dracheneier zu verschlingen. Rabenschwarz und mit bösartigen grünen Augen, sollte der Kannibale sich schon auf Drachenstein eingenistet haben, bevor die Targaryen überhaupt gekommen waren, so erzählte sich das Volk. (Großmaester Munkun und Septon Konstans halten das allerdings für höchst unwahrscheinlich, und dem schließe ich mich an.) Ein Dutzend Mal hatten selbsterklärte Drachenzähmer versucht, ihn zu reiten – erfolglos. In seiner Höhle stapelten sich ihre Knochen.

Von den Drachensamen war niemand so dumm, den Kannibalen zu stören (und von jenen, die es möglicherweise doch wagten, kehrte wohl keiner zurück). Manche suchten Graugeist, konnten ihn aber nicht finden, denn er war schon immer scheu gewesen. Schafsdieb war leichter zu finden, doch er blieb eine bösartige, schlechtgelaunte Bestie, die mehr Samen tötete als die drei »Burgdrachen« zusammen. Einer, der ihn zu zähmen hoffte (nachdem er vergeblich nach Graugeist gesucht hatte), war Alyn aus Holk. Doch Schafsdieb ließ sich nicht von ihm besteigen. Als Alyn aus der Drachenhöhle taumelte, brannte sein Mantel lichterloh, und nur das rasche Eingreifen seines Bruders rettete ihm das Leben. Seerauch vertrieb den wilden Drachen, während Addam mit seinem Mantel die Flammen erstickte. Für den Rest seines langen Lebens trug Alyn Velaryon die Narben des Drachenfeuers auf Rücken und Beinen. Dennoch durfte er sich zu den Glücklichen zählen, denn er hatte überlebt. Viele der anderen Samen und Sucher, die Schafsdieb reiten wollten, endeten stattdessen in seinem Bauch.

Am Ende wurde der braune Drache durch die List und Beharrlichkeit eines »kleinen braunen Mädchens« von sechzehn Jahren gefügig gemacht, die ihm jeden Morgen ein frisch geschlachtetes Schaf brachte, bis Schafsdieb sie erst duldete und schließlich sogar erwartete. Munkun nennt sie Nessel, während Pilz schreibt, sie sei ein Bastard unbekannter Herkunft gewesen, die Tochter einer Hafenhure, und wäre Nessy gerufen worden. Gleichgültig, wie sie nun hieß, sie hatte schwarzes Haar, braune Augen, braune Haut und ein loses Mundwerk und war dabei mager, schmutzig und furchtlos … und die erste und letzte Reiterin des Drachen Schafsdieb.

Und so erreichte Prinz Jacaerys sein Ziel. Trotz all der Toten und des Leids der Hinterbliebenen und der Verbrannten, die ihr Lebtag von Narben gezeichnet sein würden, hatte er vier neue Drachenreiter gefunden. Als das Jahr 129 sich dem Ende zuneigte, bereitete sich der Prinz darauf vor, gegen Königsmund zu fliegen, und legte den ersten Vollmond des neuen Jahres dafür fest.

Doch alle Pläne und Absichten der Menschen sind nur Spielzeug in den Händen der Götter. Noch während Jace seine Pläne schmiedete, zog von Osten her eine neue Bedrohung herauf. Otto Hohenturms Ränke trugen endlich Früchte. Der Hohe Rat der Triarchie traf sich in Tyrosh und nahm sein Bündnisangebot an. Neunzig Kriegsschiffe stachen unter dem Banner der Drei Töchter von den Trittsteinen aus in See und setzten Kurs auf die Gurgel. Und wie es das Schicksal und die Götter wollten, segelte ihnen die Kogge Fröhliche Hingabe aus Pentos mit zwei Targaryen-Prinzen an Bord geradewegs in die Arme.

Die Geleitschiffe der Kogge wurden versenkt oder gekapert, die Fröhliche Hingabe erbeutet. Die Nachricht erreichte Drachenstein erst zusammen mit Prinz Aegon, der sich verzweifelt an den Hals seines Drachen Sturmwolke klammerte. Der Junge war, wie uns Pilz mitteilt, schneeweiß vor Entsetzen, zitterte wie Espenlaub und stank nach Urin. Mit seinen neun Jahren war er noch nie zuvor geflogen … und er würde auch nie wieder fliegen, denn Sturmwolke war bei der Flucht von der Fröhlichen Hingabe schwer verletzt worden. Zahllose Pfeilschäfte ragten aus seinem Bauch, und sein Hals war von einem Skorpionbolzen durchbohrt. Während heißes Blut schwarz und rauchend aus seinen Wunden strömte, starb er qualvoll zischend innerhalb einer Stunde.

Prinz Viserys, Aegons jüngerer Bruder, hatte keine Möglichkeit gehabt, von der Kogge zu entkommen. Aber der Junge war klug, versteckte sein Drachenei, zog sich salzfleckige Lumpen an und gab sich als gewöhnlicher Schiffsjunge aus. Doch einer der echten Schiffsjungen verriet ihn, und so geriet er in Gefangenschaft. Ein Kapitän aus Tyrosh begriff als Erster, wer ihm da ins Netz gegangen war, schreibt Munkun, aber der Admiral der Flotte, Sharako Lohar aus Lys, erleichterte ihn bald um seine kostbare Beute.

Der Admiral aus Lys teilte seine Flotte für den Angriff. Eine Hälfte sollte südlich von Drachenstein in die Gurgel vordringen, die andere von Norden her. In den frühen Morgenstunden des fünften Tages des Jahres 130 seit Aegons Eroberung kam es zur Schlacht. Sharakos Kriegsschiffe griffen mit der aufgehenden Sonne im Rücken an. Im strahlenden Licht verborgen, konnten sie viele von Lord Velaryons Galeeren überraschen. Sie rammten einige und kaperten andere mit Seilen und Enterhaken. Das südliche Geschwader ließ Drachenstein links liegen und fiel stattdessen über die Küste von Driftmark her, wo sie bei Gewürzstadt Männer absetzten und Feuerschiffe in den Hafen schickten, um die gegnerischen Schiffe in Brand zu setzen, die ihnen entgegensegelten. Am Vormittag brannte Gewürzstadt, während Truppen aus Myr und Tyrosh bereits an die Tore von Hochfluth schlugen.

Als Prinz Jacaerys auf Vermax auf eine Reihe lysenischer Galeeren niederstieß, wurde er von einem Hagel aus Speeren und Pfeilen begrüßt. Die Seeleute der Triarchie hatten schon gegen Drachen gekämpft, als sie auf den Trittsteinen Krieg gegen Prinz Daemon führten. Niemand konnte ihren Mut bestreiten, sie waren bereit, den Drachenflammen mit den Waffen zu trotzen, die ihnen zur Verfügung standen. »Tötet den Reiter, und der Drache wird abziehen«, schärften die Kapitäne und Kommandanten ihren Mannschaften ein. Ein Schiff ging in Flammen auf, und dann ein zweites. Doch die Männer aus den Freien Städten kämpften weiter … bis ein Schrei ertönte und alle nach oben blickten und weitere geflügelte Schemen am Himmel über dem Drachenberg entdeckten, die auf sie zuhielten.

 


Es ist eine Sache, gegen einen einzelnen Drachen zu kämpfen, doch eine ganze andere, sich gegen fünf zu behaupten. Als Silberschwinge, Schafsdieb, Seerauch und Vermithor über die Schiffe herfielen, verließ die Männer der Triarchie der Mut.


Die Formation der Kriegsschiffe löste sich auf, und eine Galeere nach der anderen drehte ab. Die Drachen stießen wie Blitze auf sie nieder, spien blaue und orangefarbene, rote und goldene Feuerbälle, einer heller als der andere. Ein Schiff nach dem anderen zerbarst oder ging in Flammen auf. Schreiend sprangen Männer wie lebende Fackeln ins Meer. Hohe schwarze Rauchsäulen stiegen vom Wasser empor. Alles schien verloren … alles war verloren …

Mehrere einander widersprechende Berichte darüber, wie und warum der Drache fiel, sind auf uns gekommen. Einige behaupten, ein Armbrustschütze habe Vermax’ Auge mit einem Eisenbolzen durchbohrt, aber diese Version ähnelt doch verdächtig der Erzählung über den Fall von Meraxes, die lange zuvor in Dorne den Tod gefunden hatte. In einem anderen Bericht heißt es, ein Seemann im Krähennest einer myrischen Galeere habe einen Enterhaken geworfen, als Vermax dicht über der Flotte dahinflog. Einer der Zacken habe sich zwischen zwei Schuppen des Drachen verhakt und sei durch die beachtliche Geschwindigkeit des Drachen tiefer ins Fleisch getrieben worden. Der Seemann hätte das Ende der Kette um den Mast geschlungen, und durch das Gewicht des Schiffes und die starken Flügelschläge des Drachen habe sich Vermax selbst den Bauch aufgerissen. Der Wutschrei des Drachen war über den Lärm der Schlacht hinweg bis nach Gewürzstadt zu hören. Sein Flug ging gewaltsam zu Ende, als Vermax rauchend ins Meer stürzte und das Wasser zum Brodeln brachte. Überlebende berichteten, er habe versucht, sich noch einmal in die Luft zu schwingen, und sei dabei in eine brennende Galeere gestürzt. Holz splitterte, der Mast brach und stürzte um, und der wild um sich schlagende Drache verhedderte sich in der Takelage. Als das Schiff kenterte und sank, ging Vermax mit ihm unter.

Es heißt, Jacaerys Velaryon habe sich befreien und einige Herzschläge lang an ein rauchendes Wrackteil klammern können, bis ihn ein paar Armbrustschützen vom nächstgelegenen myrischen Schiff aufs Korn nahmen. Der Prinz wurde einmal und dann ein zweites Mal getroffen. Mehr und mehr Myrische legten auf ihn an. Schließlich durchbohrte ein Bolzen seinen Hals, und das Meer verschlang ihn.

Die Schlacht in der Gurgel wütete in den Gewässern nördlich und südlich von Drachenstein noch bis spät in die Nacht und zählt bis zum heutigen Tag zu den blutigsten Seegefechten der Geschichte. Mit neunzig Kriegsschiffen der Myrischen, Lysener und Tyroshi war Sharako Lohar von den Trittsteinen heraufgesegelt, doch nur achtundzwanzig von ihnen gelang es, zurück nach Hause zu dümpeln, wobei alle bis auf drei mit Lysenern bemannt waren. Später beschuldigten die Witwen aus Myr und Tyrosh den Admiral, ihre Flotten in die Vernichtung geschickt zu haben, während er seine eigene zurückhielt. Damit begann ein Streit, der zwei Jahre später zum Ende der Triarchie führen würde, als sich die drei Städte im Krieg der Töchter gegeneinander wandten. Aber das gehört nicht zu dieser Geschichte.

Obwohl die Angreifer nicht auf Drachenstein landeten, ohne Zweifel, weil sie die uralte Feste des Hauses Targaryen für zu stark hielten, ließen sie doch auf Driftmark ihrem grausamen Zorn freien Lauf. Gewürzstadt wurde brutal geplündert: Männer, Frauen und Kinder wurden niedergemetzelt, und ihre Leichen blieben in den Straßen als Schmaus für die Möwen und Ratten und Aaskrähen liegen, die Häuser wurden in Brand gesteckt. Die Stadt wurde nie wieder aufgebaut. Hochfluth wurde ebenfalls ein Raub der Flammen. Alle Schätze, die die Seeschlange aus dem Osten mitgebracht hatte, wurden vom Feuer verzehrt, seine Diener niedergemacht, als sie versuchten, dem Brand zu entkommen. Die Velaryon-Flotte verlor beinahe ein Drittel ihrer Schiffe. Tausende kamen ums Leben. Doch all diese Verluste wogen nicht so schwer wie der Tod Jacaerys Velaryons, des Prinzen von Drachenstein und Erben des Eisernen Throns.

Viserys, Rhaenyras jüngster Sohn, schien ebenfalls verschollen. Keiner der Überlebenden war sich sicher, auf welchem Schiff er sich im Durcheinander der Schlacht befunden hatte. Beide Seiten hielten ihn für tot, entweder ertrunken oder verbrannt oder erschlagen. Und obwohl sein Bruder Aegon der Jüngere entkommen war und überlebt hatte, war dem Jungen jegliche Lebensfreude abhanden gekommen; er würde es sich niemals verzeihen, dass er auf Sturmwolke gesprungen war und seinen kleinen Bruder im Stich gelassen und dem Feind ausgeliefert hatte. Es steht geschrieben, dass die Seeschlange, als man ihm zu seinem Sieg gratulierte, gesagt haben soll: »Wenn das ein Sieg war, dann bete ich darum, nie wieder einen zu erringen.«

Wie wir von Pilz erfahren, gab es auf Drachenstein zwei Männer, die in einer verrauchten Taverne unter der Burg auf das Gemetzel anstießen: die Drachenreiter Hugo der Hammer und Ulf der Weiße, die auf Vermithor und Silberschwinge in die Schlacht geflogen waren, überlebt hatten und nun damit prahlten. »Jetzt werden wir echte Ritter«, trumpfte der Harte Hugo auf. Und Ulf lachte und sagte: »Pfui, sage ich, pfui! Wir sollten Lords sein.«

Das Mädchen Nessel beteiligte sich nicht an ihrer Feier. Sie war mit den anderen geflogen, hatte ebenso tapfer gekämpft, Feuer und Tod gesät wie die anderen, doch ihr Gesicht war schwarz vom Rauch, durch den die Tränen helle Spuren gezogen hatten, als sie nach Drachenstein zurückkehrte. Addam Velaryon, ehemals Addam aus Holk, suchte die Seeschlange nach der Schlacht auf, aber was sie besprachen, weiß selbst Pilz nicht zu berichten.

 

 

 

Aus dem Buch Feuer und Blut von George R. R. Martin. Copyright der Originalausgabe © 2018 by George R. R. Martin. Published by agreement with the author and the author’s agents, Lotts Agency, Ltd. Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018 by Penhaligon in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Pfeil links